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Bereits als Kind wollte ich Medizin - oder so etwas ähnliches - lernen. Sobald ich einigermaßen vernünftig lesen konnte, verschlang ich medizinische Beiträge in sämtlichen erreichbaren Zeitungen. In der Schule war ich, ohne große Mühe, eine der Klassenbesten in Biologie und Chemie. Offenbar hatte ich in diesem Bereich ein wirkliches Talent, und das wollte ich weiter ausbauen. Meinen Wunsch, Medizin zu studieren, hatte ich jedoch bald abgehakt. Eine Ärztin im Rollstuhl, die zudem noch kaum ihre Arme bewegen konnte, erschien mir reichlich illusorisch. Heute würde ich das vielleicht anders sehen....

Blieb mir also die Biologie. Eine Beratung beim Arbeitsamt kurz vor dem Abitur wollte mir auch diesen Traum nehmen. Behinderte in meiner Situation sollten Betriebswirtschaft oder Jura studieren (oh Hilfe, nur das nicht) oder, wenn es denn etwas Naturwissenschaftliches sein sollte, dann Informatik. Ein Computer war mir zum damaligen Zeitpunkt ein Buch mit sieben Siegeln und Mathe war in der Schule auch nicht gerade mein Glanzfach. Nein, diese Beratung war überhaupt nicht nach meinem Geschmack. Selbst die Drohung, dass ich niemals eine Förderung durch das Arbeitsamt erhalten würde, wenn ich Biologie studieren würde, konnte mich nicht von meinem Entschluss abhalten. Ich ging damals davon aus, dass ich ohnehin keinen Arbeitsplatz bekommen würde, warum also nicht etwas studieren, das mich wirklich interessierte.

Bei einem ersten Gespräch mit dem Fachbereichsleiter der Biologie in Mainz stieß ich zwar auf großes Erstaunen, aber doch zumindest nicht auf Ablehnung. Es konnte sich zwar keiner vorstellen, wie ich das Studium bewerkstelligen wollte, aber ich sollte ruhig mal anfangen, ich würde dann ja schon sehen, dass es nicht geht. Nun gut, die Uni hatte ich weich geklopft, jetzt konnte ich meinen nächsten Kampfplatz eröffnen.

Während meiner Schulzeit hatte ich vom "Heidelberger Modell" der persönlichen Assistenz gehört. Als ich 1986 in Mainz mit meinem Studium beginnen wollte, war ich wahrscheinlich die erste, die einen Antrag auf persönliche Assistenz stellte. Doch zunächst einmal musste ich eine Stelle finden, die bereit war, mir Zivildienstleistende als persönliche Assistenten zur Verfügung zu stellen. Tatsächlich gab es zu diesem Zeitpunkt in Mainz nur eine einzige Dienststelle, die Zivildienstleistende für die "Individuelle Schwerstbehinderten-Betreuung" zur Verfügung stellte. Der Club, der CBF in Mainz, bot mir darüber hinaus auch an, mich bei der Durchsetzung der Finanzierung zu unterstützen. Dass ich den Antrag trotzdem bei der falschen Behörde stellte und meine Eltern über eine lange Zeit meinen Zivi für mich bezahlen mussten, ist eine andere Geschichte und soll hier nicht weiter ausgeführt werden.

Ich hatte es geschafft, ich hatte ein Zivi und einen Studienplatz und war voller Tatendrang. Dass die Räumlichkeiten für die meisten Veranstaltungen nicht mit im Rollstuhl zugänglich waren, wollte ich zunächst mal nicht anmeckern. Schließlich musste ich ja erst mal unter Beweis stellen, dass ich studieren konnte. Also musste mich ein Zivi mit dem Rollstuhl immer die Treppen hoch und runter tragen.

Biologie ist ein sehr praxisbezogenes Studium, eigentlich hatte ich gedacht, dass die praktischen Arbeiten auch vom Zivi übernommen werden könnten. Allerdings musste ich feststellen, dass es ihm weitaus mehr Spaß machte, in einem toten Fisch herumzumatschen, als ihn vernünftig - nach meinen Anweisungen - zu präparieren. Ich verlegte mich also schnell darauf, im Praktikum eine Arbeitsgruppe mit anderen Kommilitonen zu bilden. Ich war dann diejenige, die mit Buch oder Skript in der Hand den Versuchsablauf plante und protokollierte. Meine Professoren waren zum Glück auch mit meinem System einverstanden, und solange meine Abschlussklausuren in Ordnung waren, bekam ich auch alle meine Scheine.

Ein geplantes Auslandssemester musste allerdings leider ausfallen. Zivildienstleistende dürfen Deutschland nicht für längere Zeit verlassen, und eine Alternative zum Zivildienstleistenden konnte mir nicht angeboten werden. Ich hatte mir dieses Auslandstudium in den Kopf gesetzt und mich schließlich bis zum Bundesministerium durchtelefoniert. Ich hatte sogar das Fernsehen eingeschaltet, um meine Pläne durchzusetzen. Trotzdem, mir wurden alle Türen vor der Nase zugeschlagen. Studieren im Ausland mit Assistenz war nicht möglich. Schade!

Kurz nach dem Vordiplom bekam ich eine Anfrage der Uni Bonn, ob ich daran interessiert sei, eine Diplomarbeit zum Thema meiner eigenen Behinderung, der spinalen Muskelatrophie, zu schreiben. Natürlich war ich begeistert darüber eine Arbeit angeboten zu bekommen. Aber andererseits würde diese Stelle für mich auch mit vielen Schwierigkeiten verbunden sein. Bislang war meine Pflege und Begleitung außerhalb der Uni von Angehörigen oder Freunden übernommen worden. Beim Umzug in eine andere Stadt würde diese Unterstützung wegfallen und ich wäre rund um die Uhr auf die Hilfe eines Zivildienstleistenden angewiesen. Obwohl mir diese Vorstellung nicht besonders gut gefiel, zog ich nach meinen Diplomprüfungen ins Studentenwohnheim in Bonn. Es fiel mir immer schwer pflegerische Aufgaben von jungen Männern ausführen zu lassen, aber ich hatte zu diesem Zeitpunkt keine andere Wahl. Meine Zivis begleiteten mich nun eben auch an der Uni in Bonn und kopierten für mich wissenschaftliche Zeitschriften, schleppten Bücher durch die Bibliothek oder bedienten auch mal den Computer. Sie erledigten für mich all die Dinge, die ich aufgrund meiner Behinderung nicht selbst erledigen konnte. Das Denken und Organisieren war meine Sache. Und organisieren musste ich eine ganze Menge.

Während ich also in Bonn an meiner Diplomarbeit schrieb, machte ich mich auf die Suche nach einer Beschäftigung danach. Fast alle meine Kommilitonen aus Mainz wollten im Anschluss an ihr Studium eine Doktorarbeit schreiben. In diesem Studiengang ist dies durchaus üblich, ohne Doktorarbeit sind die Chancen auf eine Arbeitsstelle annähernd Null. Jetzt war ich doch schon soweit gekommen, warum also sollte ich es nicht auch probieren? Ich bewarb mich beim Max-Planck-Institut in Frankfurt, wurde allerdings mit dem Argument abgewiesen, der Aufzug sei so oft kaputt. Besser verlief ein Bewerbungsgespräch bei Boehringer Ingelheim. Ich schilderte klar und deutlich meine Vorstellungen wie ich meine Arbeit mit Unterstützung von Assistenz durchführen würde. Anscheinend hatte ich durch meine Offenheit den richtigen Nerv getroffen. Eine behinderte Frau, die Studium und Diplomarbeit mit Assistenz meistert, hat offenbar viel Durchsetzungsvermögen, und genau das wird in der Wirtschaft gesucht. Ich bekam die Stelle und musste mich beeilen meine Diplomarbeit zu Ende zu bringen.

Meine Hoffnung eine theoretische Arbeit schreiben zu können wurde von der Studienordnung für Biologie zerstört. Eine biologische Doktorarbeit erfordert Laborpraxis und die muss dann in einer schriftlichen Arbeit dokumentiert werden. Nun erfuhr ich aber erfreulicherweise große Unterstützung durch meinen Arbeitgeber. Speziell für mich wurde eine Laborassistenz angestellt, die die praktischen Arbeiten auf meine Anweisung hin durchführte. Zusätzlich hatte ich aber auch meine persönliche Assistenz, die ich mittlerweile im Rahmen des Arbeitgebermodells selbst organisierte. Beide Assistenzen wurden von der Hauptfürsorgestelle, mittlerweile heißt es Integrationsamt, mitfinanziert. Meine persönlichen Assistentinnen unterstützten mich durch die täglichen Handreichungen bei der Arbeit, auf Dienstreisen und auch zu Hause, meine Laborassistentin, eine ausgebildete medizinisch-technische Assistentin, erledigte die praktischen Aufgaben im Labor, die für meine Arbeit erforderlich waren und die wir jeweils absprachen. Für meinen Arbeitgeber war diese Lösung fast nichts ungewöhnliches, da viele Wissenschaftler nach Abschluss der Promotion Laborarbeit ohnehin durch Assistenten durchführen lassen. Ich fing damit eben nur ein bisschen früher an und lernte das Delegieren einfach schon vor dem Abschluss.

Nach dem Ende meiner Doktorarbeit machte ich mein Hobby zum Beruf und nahm ich eine Stelle beim Zentrum für selbstbestimmtes Leben in Mainz an, wo ich zuvor schon jahrelang im Vorstand gewesen war. Dort beriet ich nun aus eigener Erfahrung behinderte Menschen in allen Fragen, die mit Assistenz zu tun haben. Nach kurzer Zeit hatte sich mein Projekt soweit entwickelt, dass insgesamt 12 Mitarbeiter an drei verschiedenen Standorten behinderten Menschen Unterstützung im Zusammenhang mit persönlicher Assistenz anbieten konnten und auf dem politischen Sektor eine ganze Reihe von Veränderungen herbeigeführt wurden, darunter auch dass behinderte Menschen mittlerweile einen Rechtsanspruch auf Arbeitsassistenz haben. Fast sieben Jahre arbeitete ich in diesem Bereich, doch schließlich zog es mich wieder zurück zu meinem erlernten Beruf, so dass ich seit Anfang 2005 als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Paul-Ehrlich-Institut arbeite.

Natürlich habe ich auch weiterhin Assistentinnen, zu Hause und bei der Arbeit. Ich bin mittlerweile 17 Jahre berufstätig und dadurch - abgesehen von meiner Assistenz - finanziell unabhängig. Wenn ich zurückdenke an dieses unerfreuliche Gespräch mit dem Arbeitsamt finde ich, dass ich es entgegen aller Prognosen in meinem erlernten Beruf recht weit gebracht habe, und das war eben nur dadurch möglich, dass mir die Möglichkeit gegeben wurde meine Fähigkeiten mit Hilfe von Assistenz zu nutzen und auszubauen.

Ever since I was a child, I have had the wish to study medicine – or something similar. As soon as I could read reasonably well, I devoured the medical contributions of all periodicals one could think of. But my wish to study medicine came to an early end. A physician in a wheelchair, and on top of that, somebody who could hardly move her arms, seemed like an illusion. Maybe, today, I would see things differently. …
So, biology was what remained for me. An advisory talk with the Arbeitsamt (German Federal Labour Office) shortly before I completed school nearly robbed me of this dream, too. People with physical impairments in my situation were encouraged to choose business studies or law (help! anything but that!) or, if they really had to study something technical or scientific, then information science. At that time computers were a closed book to me, and maths was not exactly my best subject either. Even the risk of never receiving any type of support from the Labour Office by opting for biology could not change my decision. I assumed, at that time, that I would not find employment anyway, so why not study something that really interested me.
During my first talk at the faculty of biology at the University of Mainz, the head of the faculty showed great astonishment, but fortunately no rejection. Although nobody could imagine how I would complete the studies, I should by all means start. I would see for myself that it would not work. All right, I had persuaded the university. Now I could prepare for the next fight.
When I finally wanted to resume my course of studies, I was probably the first student applying for personal assistance. I was assisted by a young man who was performing his social service, I had my place at the university, and I was full of energy. That the rooms for most of the lectures and seminars could not be accessed in a wheelchair did not at first give me a reason to complain. After all, I first had to provide proof that I was capable of studying. Therefore, my assistant always had to carry me up and down the stairs in my wheelchair.
Biology courses are very practice oriented. For my practicals, I soon took to forming working groups with other students. With the book and the script in my hand, I was the one who planned and documented the procedures for experiments. Luckily, my professors also supported my system, and so long as my final test papers met the performance standards I also received my seminar certifications.
While preparing my diploma thesis, I started looking for employment for the time after my studies. Almost all my student friends from Mainz wanted to do doctoral thesis after completing their courses. This is perfectly normal for this kind of course. Without a doctoral thesis, the chances of employment are virtually zero. Now that I got this far – why shouldn’t I try? I applied at the Max Planck Institute at Frankfurt, but was rejected with the reason that the lift was always broken. Then I had an interview at Boehringer Ingelheim with a better result. I made it plain that I would be supported by my assistant and how I would carry out my work. My openness was obviously met with positive feedback. A woman with physical impairments capable of mastering her university course and diploma thesis must be very competent and assertive, just what is required on the free market. I got the job and had to hurry up to complete my diploma thesis.
My hope to be able to write a theoretical thesis was thrashed by the study regulations for biology. A doctoral thesis in this subject requires practical lab work, and the latter must be documented in the written thesis. However, I was lucky to be greatly support by my employer. A lab assistant who carried out all the practical work upon my instructions was employed especially for me,. In addition, I had my personal assistant who I had organised myself within the employer model, a programme by the German state for employees with impairments. My personal assistants supported me with the practical work in my job, during business travels, and at home. My lab assistant, a well qualified medical and technical assistant carried out the practical lab work required for my job. This was always coordinated between the two of us. This solution was not really unusual for my employer since many scientists have laboratory tasks done by assistants anyway after completing their doctoral theses. I just started this kind of thing a little bit earlier, and learned how to delegate work before completing my doctor’s degree that way.
After I finished my doctoral thesis, I turned my hobby into a job, and assumed employment at the Centre of Self-Determined Life in Mainz. My job there was to give advice to people with impairments looking for assistance. I did this on the basis of my personal experience. I worked in this field for almost seven years, but finally, I returned to the profession for which I was qualified. Thus, I started my job at the Paul-Ehrlich-Institut, where I have been working as a scientist since early 2005.
Of course, I still have assistants, both at home and at work. Meanwhile, I have been employed for 17 years and am therefore financially independent – apart from my assistants. This was only possible because I was given the chances to use and develop my abilities with the help of assistants.
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Stand: 09.10.2011 - Copyright C. Brandt