Dr. rer. nat. Corina Zolle

Persönliche Assistenz ist jede Form der persönlichen Hilfe, die AssistenznehmerInnen in die Lage versetzt, ihr Leben selbstbestimmt zu gestalten. Sie umfaßt sowohl die Bereiche der Körperpflege, der Haushaltshilfe oder medizinischen Krankenpflege, als auch die kommunikativen Hilfen durch GebärdendolmetscherInnen für Hörgeschädigte oder Vorlesedienste für Blinde. Sie kann hohe fachliche Kenntnisse voraussetzen (z.B. bei den GebärdendolmetscherInnen oder der Krankenpflege) oder keine besondere Qualifikation erfordern.

In jedem Fall aber soll die persönliche Assistenz von den AssistenznehmerInnen angeleitet, Zeit, Ort und Ablauf von ihnen bestimmt und die Assistenzleistenden von ihnen ausgesucht werden. Beim ArbeitgeberInnenmodell fungieren AssistenznehmerInnen als ArbeitgeberInnen gegenüber ihren AssistentInnen. Dazu melden sie einen “Betrieb im eigenen Haushalt” beim zuständigen Finanzamt und der Krankenkasse an. Sie schließen reguläre Arbeitsverträge mit ihren AssistentInnen ab. Sowohl behinderte AssistenznehmerInnen als ArbeitgeberInnen, wie auch die AssistenInnen als ArbeitnehmerInnen verfügen über Rechte und Pflichten gegenüber der jeweils anderen Partei. Dadurch ändert sich automatisch das Selbstverständnis im Assistenzverhältnis. Behinderte ArbeitgeberInnen sind nicht passive EmpfängerInnen von (Hilfe)-Leistungen, sondern erbringen ihrerseits Leistungen in Form der vereinbarten Entlohnung.

Geschichte

Der schwerstbehinderte Ed Roberts gilt als einer der Pioniere der emanzipatorischen Behindertenbewegung. Mitte der 60er Jahre erkämpfte er sich den Zugang zur Berkeley University in Kalifornien. Zunächst lebte er während des Studiums in einem Krankenhaus auf dem Campus. Doch diese diskriminierende Situation nahm er nicht lange hin. Er setzte die Finanzierung der von ihm benötigten Assistenzleistungen, die er zunächst durch seine Kommilitonen erhielt, durch.

Einige Jahre später als in den USA begann auch die emanzipatorische Entwicklung behinderter Menschen in Deutschland. Ende der 60er Jahre entstanden die Clubs Behinderter und ihrer Freunde (CBFs), die gemeinsame Freizeitaktivitäten organisierten, später aber auch ambulante Assistenzangebote schufen.

In Heidelberg entstand das “Heidelberger Modell”, welches die berufliche Rehabilitation - vorwiegend Querschnittgelähmter - durch Zivildienstleistende (ZDL) sichern sollte. Durch eine Aufforderung des Bundesministeriums für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit vergrößerte sich die Zahl der entsprechenden Zivildienstplätze in diesem Bereich 1984 sprunghaft. Wohlfahrtsverbände im ganzen Bundesgebiet beantragten Zivildienstplätze; der Begriff “Individuelle Schwerstbehindertenbetreuung (ISB)” entstand. ZDL wurden folglich nicht mehr überwiegend für Querschnittgelähmte, sondern auch für Menschen mit anderen Beeinträchtigungen beschäftigt.

Die ZDL wurden von den Wohlfahrtsverbänden, teilweise unter Mißachtung sämtlicher Arbeitszeitverordnungen, eingesetzt. Dies hatte zur Folge, daß die Bestimmungen für den Einsatz von ZDL drastisch verschärft wurden. Zudem kam es zu einer Verringerung durch die geburtenschwachen Jahrgänge. Dadurch konnte die seither ständig gewachsene Zahl von ZDL-Stellen nicht mehr kontinuierlich besetzt werden. Die offenen Stellen mußten durch festangestellte Arbeitskräfte besetzt werden. Darüber hinaus forderte die 1994 eingeführte Pflegeversicherung, daß pflegerische Verrichtungen durch ausgebildetes Personal ausgeführt werden mußten. Dadurch stiegen die Kosten für die ISB drastisch. Behinderten Menschen, die existentiell auf die ZDL angewiesen waren, drohten Unterversorgungen. Aus dieser Notsituation heraus entwickelte sich die Idee, selbstbestimmt die Assistenzleistungen durch selbsteingestellte Kräfte zu sichern.

Die Erfüllung der folgende Kriterien sind Qualitätsmerkmale für den Grad selbstbestimmter persönlicher Assistenz:

1. Organisationskompetenz

Wo und wann findet die Assistenz statt?

 Durch die Pflegesatzvereinbarung sind die Anbieter von Hilfsleistungen verpflichtet, ein bestimmtes Angebot zu erbringen, das sie möglichst kostengünstig zu erstellen haben. Diese Angebotsstruktur bestimmt dann den Tagesablauf der HilfeempfängerInnen und nicht deren Tagesablauf das Angebot. Ob Heim, Sozialstation oder Pflegeverband, immer wird die Art, Form und der Zeitpunkt der Hilfeleistung, der Arbeitsablauf und Personaleinsatz von den Angebotsträgern und seinen HelferInnen bestimmt. Die Interessen, Gestaltungs- und Veränderungswünsche der HilfeempfängerInnen fallen meistens den Anforderungen an einen effektiven und reibungslosen Personaleinsatz zu Opfer.

 Bei der Persönlichen Assistenz wird dagegen von den Gestaltungswünschen und Bedürfnissen der AssistenznehmerInnen ausgegangen. Sie wird auf dieser Grundlage von ihnen selbst geprägt und gestaltet. Dieses Recht auf die eigene Organisation der persönlichen Assistenz schließt selbstverständlich auch die erforderlichen Hilfen bei der Umsetzung einer solchen, auf die persönlichen Bedürfnisse abgestimmte Hilfe ein.

2. Personalkompetenz

Wer wird als AssistentIn eingesetzt?

 Die Heimträger, Sozialstationen, Pflegeverbände oder sozialen Hilfsorganisationen übernehmen in der Regel die Arbeitgeberfunktion für die persönlichen Helfer. Dabei entfällt für die Hilfeempfänger wie selbstverständlich das Recht die Personen auszuwählen, die die Hilfeleistung erbringen soll. Viele Hilfen, insbesondere im Bereich der persönlichen Pflege, setzen ein besonderes Vertrauensverhältnis und gegenseitiges Verständnis voraus. Daher muß dem/der HilfeempfängerIn mindestens ein Ablehnungs-, Auswahl- und Mitentscheidungsrecht bei dem Einsatz von Hilfepersonen zustehen.

 Dieses Auswahlrecht ist bei der eigenständigen Übernahme der Arbeitgeberfunktion durch die Betroffenen realisiert. Dieses Recht wird allerdings zu dem Preis erkauft, alle organisatorischen Aufgaben eines solchen Arbeitgebers auch übernehmen zu müssen. Viele scheuen deshalb vor dieser Verpflichtung und den damit verbundenen Risiken zurück. Auch wenn die AssistenznehmerInnen diese Funktion nicht umfassend wahrnehmen wollen oder können, ist sicherzustellen, daß ihnen bei der Organisation persönlicher Assistenz der Einfluß auf die Personalentscheidung erhalten bleibt. In der Abwägung zwischen dem Recht auf einen sicheren Arbeitsplatz der AssistentInnen und dem Recht auf die eigene persönliche Sphäre, muß letzteres überwiegen.

3. Anleitungskompetenz

Wer bestimmt, was zu tun ist und wie es zu tun ist?

 Die Angebotsträger entscheiden im Rahmen ihres Direktionsrechtes und ihrer Vorstellung von Fachlichkeit in welcher Weise die Leistungen zu erbringen sind. Die gesellschaftliche Vorstellung über die Art und Weise, wie mit Hilfsbedürftigen umzugehen ist, bewirken häufig einen entmündigenden Umgang mit den „Objekten" ihrer Hilfeleistungen. Die Inhalte und die Ausrichtung der Ausbildung, die die Hilfspersonen durchlaufen haben, prägen ihre Vorstellung von der ‘richtigen Hilfe’. Dieses wird z.B. in Formulierungen deutlich, die davon sprechen, daß eine Hilfeleistung an der gepflegten Person erbracht wurde und nicht für die Person.

 Die AssistenznehmerInnen sind darin geschult, und können ihre AssistentInnen selbst anleiten. Es ist nicht mehr unbedingt erforderlich, HelferInnen darin auszubilden, wie sie mit den Hilfsbedürftigen umzugehen haben. Diese grundsätzliche Wechsel der Perspektive begründet den entscheidenden Unterschied zwischen persönlicher Assistenz und Hilfeleistung.

4. Finanzkompetenz

Von wem bekommen die AssistentInnen das Gehalt?

 Die meisten HilfeempfängerInnen konnten bisher nicht über die finanziellen Mittel zur Bezahlung der Hilfsleistungen verfügen. Die Dienstleistungen werden als Sachleistungen erbracht und ihr Preis durch Pflegesätze zwischen Kostenträgern und Helferorganisationen ausgehandelt. Abrechnung, Leistungsüberprüfung und Ausgestaltung des Hilfeangebotes können nicht von den Hilfeempfängern beeinflußt werden, sondern orientieren sich an den Vorstellungen der Kostenträger über das, was ihrer Ansicht nach als öffentlich-rechtlicher Anspruch den Hilfeempfängern zusteht. Zwischen den Leistungsanbietern gibt es in der Regel keine Konkurrenz, sondern Absprachen über die Aufteilung der Hilfemärkte nach Art der Hilfe, dem Personenkreis und der Region. Diese Absprachen werden im Rahmen von sogenannten „Versorgungskonzepten" mit den Kostenträgern abgestimmt, so daß z.B. Marktneulingen mit Hinweis auf dieses Konzept und der Begründung eines fehlenden Bedarfes der Marktzugang verwehrt wird.

 Eine solche Praxis widerspricht allerdings der tatsächlichen Rechtslage, die die Bedürfnisse und Gestaltungswünsche der Anspruchsberechtigten in den Mittelpunkt stellt. Soweit die Finanzierung von den HilfeempfängerInnen nicht selbst erbracht werden kann, sind ihnen die erforderlichen Mittel zur Verfügung zu stellen. Sie können dann auf der Basis dieses öffentlich-rechtlichen Anspruches selbst entscheiden, welche Art von Leistungen und in welcher Form sie diese in Anspruch nehmen wollen. Um die bestehenden Rechte auch faktisch in die Hände von Betroffenen zu überführen, muß die Verfügung über die finanziellen Mittel, ihr Einsatz und ihre Verwendung von den Anspruchsberechtigten gesteuert und kontrolliert werden.

Die sieben Wege zur Persönlichen Assistenz

Die Finanzierung Persönlicher Assistenz in Deutschland zur Zeit möglich jedoch sehr undurchsichtig. Hier haben es assistenznehmende Menschen mit bis zu sieben ver-schiedenen Rehabilitations- bzw. Kostenträgern zu tun. Der Grund liegt im bundes-deutschen gegliederten Sozialversicherungssystem mit Kranken-, Pflege-, Renten-, Arbeitslosen- und Unfallversicherungen sowie der Sozialhilfe. Sowohl die Ursache der Behinderung als auch die Art des Hilfebedarfes sind ausschlaggebend für die Zuständigkeit der jeweiligen Kostenträger.

1. Pflegeversicherung

2. Krankenkasse (§ 37 Abs. SGB V)

3. Versorgungsamt (für Wehr- und Zivildienstopfer sowie für Imfgeschädigte)

4. Unfallversicherung

5. Arbeitsassistenz

6. Sozialhilfe (Hilfe zur Pflege/Eingliederungshilfe)

7. selbst

Nicht jeder Kostenträger muss alle notwendigen Assistenzleistungen finanzieren. Die Pflegeversicherung erstattet nur bestimmte Leistungen der Grundpflege und der hauswirtschaftlichen Versorgung. Als sogenannte Teilkaskoversicherung deckt sie jedoch selbst in ihrem Zuständigkeitsbereich nur einen Anteil der Kosten. Die Kran-kenkasse ist im Bereich der Assistenz nur für Leistungen der Behandlungspflege zu-ständig. Unfallversicherungen, incl. berufsgenossenschaftlicher Unfallversicherun-gen erstatten die Assistenzkosten komplett, es sei denn, der Geschädigte hat eine Teilschuld am Unfall. Dann erfolgt die Erstattung lediglich im Rahmen der festgestell-ten Haftungsquote.

Mit Einführung des SGB IX, dem Gesetz zur Teilhabe und Rehabilitation behinderter Menschen, wurde das Recht auf Arbeitsassistenz verstärkt. Positiv an der Arbeitsas-sistenz ist, dass sie einkommens- und vermögensunabhängig gewährt wird. Negativ ist, dass die Kostenübernahme nicht immer bedarfsdeckend erfolgt.

Die örtlichen und überörtlichen Träger der Sozialhilfe sind zuständig, wenn es keine (ausreichende) Finanzierung vorrangiger Träger gibt. „Vorrangige Träger“ sind hier-bei auch die Menschen mit Behinderungen und ihre Angehörigen selbst. Das heißt, eigenes Einkommen und Vermögen muss bis zu bestimmten Freibeträgen eingesetzt werden, bevor die Träger der Sozialhilfe leisten.

Die Einführung der Pflegeversicherung im Jahr 1995 verstärkte die medizinisch-defizitäre Definition von Assistenz. Der ganzheitliche Ansatz von Assistenz/Pflege wurde zunichte gemacht. Dies gilt insbesondere, da sich die Träger der Sozialhilfe zunehmend auf die Definition von Pflege nach dem Pflegeversicherungsgesetz (SGB IX) berufen und das dem Bundessozialhilfegesetz (BSHG) eigene Prinzip der indivi-duellen Bedarfsdeckung auszuhöhlen versuchen.

Die ganzheitliche Betrachtung von Assistenz/Pflege wird zusätzlich durch die Unter-scheidung von Hilfe zur Pflege und der Eingliederungshilfe untergraben. Zur Einglie-derungshilfe zählen Assistenzleistungen zur Teilhabe am Leben in der Gemein-schaft, die nicht zur Hilfe zur Pflege zählen.

Nicht jeder notwendigen Assistenzleistung wird die gleiche Bedeutung zugemessen. Vielmehr gibt es eine Art „Wertigkeitsliste“. Die „Rangfolge“ lautet in etwa: Behand-lungspflege, Grundpflege, Arbeitsassistenz, Assistenz in Schule und Ausbildung, hauswirtschaftliche Versorgung, Kommunikation / Teilhabe am Leben in der Ge-meinschaft / Unterstützung bei Freizeitaktivitäten.

Studierende weisen auf ihre Probleme bei der Finanzierung von Studiumsbegleitung im Allgemeinen, sowie bei Auslandssemestern im Besonderen hin. Da sie noch keine abgeschlossene Ausbildung haben, können sie die Leistungen im Rahmen der Ar-beitsassistenz nicht beanspruchen. Da Sozialhilfeleistungen nur sehr begrenzt ins Ausland transferiert werden können, ist ein Auslandstudium kaum möglich.

Die rechtlichen Grundlagen für die Finanzierung von Assistenzleistungen bei länge-ren Urlaubsaufenthalten im europäischen Ausland, sowie Urlauben im nicht europäi-schen Ausland durch die Träger der Sozialhilfe sind völlig unzureichend. Wer im Ur-laub einen höheren Assistenzbedarf als zu Hause hat, bekommt diesen nur selten von seinem Sozialhilfeträger finanziert.

Besondere Schwierigkeiten ergeben sich für assistenznehmende Menschen bei Krankenhausaufenthalten und medizinischen Rehabilitationsmaßnahmen (Kuren). Viele Krankenhäuser und Kurkliniken sind den besonderen Bedürfnissen behinderter Menschen in der Regel nicht gewachsen.

Die Deckung der Bedarfe, oder besser, die Befriedigung der individuellen Bedürfnis-se sind die Basis für ein selbstbestimmtes, gleichberechtigtes Leben. Die Hilfe zur Pflege ist dabei ebenso Bestandteil der Persönlichen Assistenz (wer nicht angezo-gen wird oder nichts zu essen bekommt, kann auch nicht zur Arbeit oder zum Ein-kaufen gehen, etc.) wie alle anderen möglichen Assistenzleistungen.

Chancengleichheit für Menschen mit Bedarf an Persönlicher Assistenz kann nur er-folgen, wenn die Finanzierung aus einer Hand und als Komplexleistung auf Zeitbasis erfolgt. Es gilt hierzu sinnvolle und der Lebensrealität behinderter Menschen ent-sprechende Konzepte – eventuell im Regelungsbereich des SGB IX - zu entwickeln.

Persönliche Assistenz mit persönlichem Budget

Nachfolgend der Beitrag von ForseA-Vorstandsmitglied Dr. Corina Zolle anlässlich der Arbeitsgruppe Persönliche Assistenz im Rahmen der Abschlussveranstaltung zum EJMB

Das Ziel lautet: Vereinfachung der Verwaltung

Die Lösung: Persönliche Budgets. Sie sind akzeptabel, sofern sie bedarfsdeckend sind und zwar bedarfsdeckend in allen Bereichen, in denen persönliche Assistenz erforderlich ist. Wir müssen weg von der Gewichtung Behandlungspflege, also beispielsweise Spritzen geben, der Pflege im Sinne der Pflegeversicherung, wie waschen, anziehen, Toilette usw., der Arbeitsassistenz, der hauswirtschaftlichen Hilfe wie beispielsweise Staub saugen und der so genannten Eingliederungshilfe zur Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft. Diese Bereiche lassen sich nicht auseinanderdividieren, vielmehr kann Pflege im Sinne der Pflegeversicherung, das heißt der Gang zur Toilette, durchaus auch während Maßnahmen der Eingliederungshilfe, also im Kino, erforderlich sein.

Und vor allem müssen wir vom Kostenvergleich zwischen ambulant und stationär wegkommen. Persönliche Assistenz hat eine völlig andere Qualität als die Unterbringung in einem Heim. Ich weiß so genau wovon ich rede, da ich selbst einige Jahre in einer Einrichtung gelebt habe und die Situation kenne (Stadtbesuch vier Wochen vorher anmelden, duschen - einmal die Woche fällt leider aus, wegen Personalmangels).

Die Unterbringung in einem Heim kann nur so kostengünstig sein, weil die Menschen dort einfach unterversorgt leben. Beispiele brauche ich hier keine mehr zu nennen; Sie müssen einfach nur die Zeitung aufschlagen.

Ich kann hier immer wieder nur auf das „schwedische Modell" hinweisen, in dem zunächst ein bestimmtes Budget festgelegt wird, errechnet aus Anzahl der erforderlichen Assistenzstunden pro Tag und einem pauschalen Stundensatz. Dieser beträgt derzeit 22 Euro. Mit diesem Budget kann nun der Assistenznehmer seine Assistenten und die anfallenden Lohnnebenkosten bezahlen. Er hat aber auch die Möglichkeit, auf Genossenschaften zurückzugreifen oder sich an andere Dienstleister, das heißt ambulante Dienste und Sozialstationen zu wenden. Der Stundensatz ist also einheitlich vereinbart und unabhängig davon, welche Art von Hilfe der Assistenznehmer in Anspruch nimmt.

Wir müssen erreichen, dass es keine Gewichtung der einzelnen Hilfebedarfe mehr gibt. Persönliche Assistenz ist eine Teilhabeleistung und keine Pflege und sollte im SGB IX aufgenommen werden.

Problem: Einkommensabhängigkeit

Hubert Hüppe (CDU) hat Ende des vergangenen Jahres Zahlen ins Spiel gebracht, die besagen, dass es bundes-weit etwa 650 „gut verdienende" behinderte Menschen gibt, die zudem umfänglich auf Assistenz angewiesen sind. (Das sind die Arbeitswütigen, die morgens nicht nur sich selbst sondern auch noch ihre Assistenten motivieren müssen, aufzustehen.) Dadurch dass ihr Einkommen bei der Finanzierung ihrer Assistenz herangezogen wird, rechnet der Staat mit Einnahmen von etwa drei Millionen Euro pro Jahr! Mit diesen Einnahmen in Höhe von etwa drei Millionen Euro müsste nun ein Verwaltungsapparat finanziert werden, der eigentlich durch Einführung des persönlichen Budgets reduziert werden sollte. Sind drei Millionen Euro ausreichend, um die Einkommensverhältnisse aller berufstätigen Assistenznehmer bundesweit zu kontrollieren? Nicht nur das der 650 Gutverdienenden, nein, es muss ja bundesweit kontrolliert werden, ob nicht noch vielleicht ein oder zwei dazukommen! Drei Millionen Euro Einnahmen, die auf das Penibelste kontrolliert und beobachtet werden müssen. Ist so etwas wirtschaftlich? Ich denke nein! Das ist eine Geldvernichtungsmaschinerie. Die Kosten für die Kontrolle der Einnahmen sind höher als die Einnahmen selbst.

Und für die Betroffenen lohnen sich Arbeit und Qualifizierung künftig nicht mehr. Es gibt keinen Anreiz mehr ein höheres Einkommen zu haben, weshalb also arbeiten, wenn das Einkommen für die Finanzierung der eigenen Assistenz drauf geht? Ergo arbeite ich weniger und zahle dementsprechend auch weniger Steuern, dadurch macht der Staat auch noch ein doppeltes Verlustgeschäft.

Weiteres Problem: Selbstbestimmung

Das so genannte Arbeitgebermodell besagt, dass Pflegebedürftige ihre Pflege und Betreuung durch eine oder mehrere Pflegekräfte selbst organisieren, das heißt sich diese selbst aussuchen. Da die Pflege in diesem Fall nicht von Fachkräften aus von der Pflegekasse anerkannten - Pflegediensten erbracht wird, erhalten diese Pflegebedürftigen das niedriger bemessene Pflegegeld und nicht die Pflegesachleistung.

Nach § 2 SGB XI ist es ein Ziel des Gesetzes, Pflegebedürftigen ein möglichst selbstbestimmtes und selbständiges Leben zu ermöglichen. Nach § 77 SGB XI ist es aber Pflegebedürftigen untersagt, die AssistentInnen selbst als Arbeitgeberln anzustellen oder die Persönliche Assistenz von Angehörigen erbringen zu lassen, wenn die Kosten für die Sachleistung von der Pflegekasse übernommen werden sollen.

Es widerspricht dem Selbstbestimmungsrecht und dem Wunsch- und Wahlrecht behinderter Menschen, nicht selbst Arbeitgeberln der Persönlichen AssistentInnen werden zu können und auf Pflegeverbände und ihre teilweise entmündigenden Pflegestandards angewiesen zu sein. Mir fallen dafür keine vernünftigen sondern nur ideologische Gründe ein. Welcher Sinn steckt in diesem Verbot?

Aus welchem Grund ist es darüber hinaus untersagt, dass persönliche AssistentInnen nicht bei der behinderten Person selbst beschäftigt sein dürfen und somit für die Finanzierung selbstbeschäftigter AssistentInnen nur noch das geringere pauschale Pflegegeld nach § 37 SGB XI zur Verfügung steht und der behinderte Arbeitgeber auch keine Hilfe über die Härtefallregelung nach § 36 Abs.4 SGB XI erhält?

Zwar wurde nachträglich im BSHG ein Ausweg geschaffen, er steht aber im Rahmen der Pflegeversicherung nicht zur Verfügung. Diese Tatsache ist für viele Kommunen auch heute noch ein Grund, das Arbeitgebermodell nicht zu akzeptieren. Dabei ist es gerade für weibliche Schwerstpflegebedürftige, die ihre Intimpflege durch Frauen absichern wollten, erstmals die Garantie, gleich-geschlechtliche Assistenz zu haben, die auch nicht ständig wechselt. Letzteres ist meines Erachtens ein Qualitätsmerkmal von weit höherem Wert als die berufliche Ausbildung einer „qualifizierten Pflegekraft".

Zum Abschluss noch ein paar Worte zum Thema „qualifizierte Pflegekraft". Ich halte die Pflegeversicherung nicht für grundsätzlich schlecht. Sie hat einer ganzen Reihe von alten und/oder behinderten Menschen viel Unterstützung gebracht. Allerdings ist sie in manchen Bereichen weit über das Ziel hinausgeschossen. Die Forderung, dass pflegerische Tätigkeiten von qualifiziertem Fachpersonal durchgeführt werden müssen, hat die Kosten für Pflege in schier unermessliche Höhen steigen lassen. Ich halte es für äußerst wichtig, dass medizinische Pflege, wie die Behandlung von offenen Druckstellen oder das Geben von Spritzen natürlich unbedingt von Fachpersonal durchgeführt wird. Aber einfachere Pflegetätigkeiten wie waschen, anziehen, Hilfe beim Toilettengang usw. kann doch durchaus auch von angelerntem Personal durchgeführt werden. Sie gehen ja auch nicht davon aus, dass Ihr Auto von einem KfZ-Meister gewaschen wird. Warum also muss ein behinderter Mensch von einer Krankenschwester gewaschen werden? Der Vergleich Auto-Mensch liegt mir so nahe, da mich die Module der Pflegeversicherung immer an meine Autorechnung erinnern.

Die Pflegeversicherung hat die Kosten für Pflege künstlich in die Höhe getrieben und nun müssen wir sehen, wie die Kosten auf ein vernünftiges Maß reduziert werden und die Qualität dabei noch verbessert wird.

Aus: forsea - forum selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen e.V., 1/2004, März, S. 8


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